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Katja Angenent

Katja Angenent, geboren 1982 in Ludwigshafen, wuchs in Duisburg auf und lebt heute in Münster und im Ruhrgebiet. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Katja schreibt schon seit der ersten Grundschulklasse eigene Geschichten und Bücher – der Erfolg hat seit den ersten Publikationen stetig zugenommen. Sie hat in Münster und Leiden (Niederlande) Geschichte, Deutsch und Englisch studiert und steht auf alles Alte und auf vieles aus Großbritannien. Heute gehört sie zur Münsteraner Autorengruppe Semikolon und gibt Kurse für kreatives Schreiben. Unter www.nrw-alternativ.de berichtet sie über Themen und Events rund um ein Leben im bevölkerungsreichsten Bundesland abseits vom Mainstream.

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Katja Angenent

Die alte Freundin
Dunkelheit

Schauergeschichten



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KATJA ANGENENT: „Die alte Freundin Dunkelheit“
1. Auflage, Juni 2018, Edition Subkultur Berlin

© 2018 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe / Edition Subkultur
Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin
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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit
mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Korrektorat und Projektassistenz: Murielle Müller
Coverfotografie: Artem Kovalev (www.unsplash.com)
Projektleitung, Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-943412-35-2

epub ISBN: 978-3-943412-82-6

Das Kloster

Heinrich IV., König des deutschen Volkes, blickte von der Oppenheimer Stadtmauer stirnrunzelnd über den Rhein. Im Osten, am Horizont, zog ein Sturm auf. Die Zeichen waren unverkennbar. Dichte, dunkle Wolkenberge türmten sich am Himmel. Während über Heinrich noch die Sonne schien, wurde es dort bereits dunkel. Wie passend, dachte er. Gott ließ diesmal wirklich keine Zeichen aus. Die Analogie war unübersehbar. Gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, tagten in diesem Moment seine Gegner, um zu entscheiden, wie mit ihm weiter zu verfahren sei. Auch dieser Sturm war unausweichlich.

Er schüttelte den Kopf. Die Narren dort in Trebur irrten. Hörten sie nicht Gottes Worte? Wussten sie nicht, dass er sich in all seinem Tun nur nach Gottes Wünschen richtete? Sahen sie nicht, dass der Papst in seiner Anmaßung eher dem Teufel nahe war als Gott? Stattdessen wollten sie ihn, den von Gott eingesetzten König, richten. Er begriff diese Menschen nicht.

Ein frischer Wind kam auf und ließ seinen Umhang flattern.

Heinrich überlegte. Das Heraufziehen des Sturmes verhieß nichts Gutes. Eine Windböe erfasste einige trockene Blätter vor ihm und zwang sie zu einem grotesken Tanz.

Er musste etwas tun! Seit zwei Tagen waren er und seine Getreuen – zumindest die, die ihm noch geblieben waren – hier zum Warten verdammt. Wer wusste schon, wann die Gesandten in Trebur zu einem Entschluss kommen würden? Das konnte noch Tage, vielleicht Wochen dauern. Und was nach ihrem Entschluss käme, das wusste nur Gott allein. Alles stand auf dem Spiel: seine Königswürde, seine Ämter, ja, sogar seine Zugehörigkeit zur Kirche und damit sein Seelenheil.

Er hatte gehört, was selbst enge Freunde hinter seinem Rücken tuschelten: Dass er der Situation nervlich nicht gewachsen wäre, dass Gott ihn strafe, dass er anfinge, irrational zu handeln. Dabei war es doch die Gegenseite, der es an Einsicht und Rationalität mangelte!

Der Wind bewegte nun auch die schwarzen Baumkronen unten am Rhein. Die Sonne war nicht mehr zu sehen. Wie ein Hund in seinem Zwinger begann der König, auf der Mauer auf und ab zu laufen. Bereits zwei Mal war er in den letzten Wochen vor Erschöpfung zusammengebrochen. Seine Nerven seien angeschlagen, sagte der Medicus. Heinrich verstand das nicht. Sollte Gott ihn tatsächlich verlassen haben? Er hatte doch Buße getan. Er hatte gebetet, gefastet, gestiftet, wieder gebetet; immer wieder gebetet. Durch das fortwährende Fasten war seine Statur ganz hager geworden. War das immer noch nicht genug gewesen? Der Wind wurde stärker. Die ersten Regentropfen klatschten gegen die Mauer.

„Was soll ich denn noch tun, Gott?“, schrie er in den Wind.

Doch der Wind antwortete nicht.

Ein Klopfen auf seiner Schulter riss den König schließlich aus seinen Gedanken. Heinrich drehte sich um.

Vor ihm stand Hugo von Cluny, einer seiner engsten Berater. Als sein Taufpate war er einer der wenigen, der sich eine so intime Geste erlauben konnte.

„Majestät, kommt doch mit in das Besprechungszimmer. Hier draußen holt Ihr Euch bei dem Wetter noch die schlimmsten Krankheiten!“

„Warum schickt Gott nun diesen Sturm, Hugo?“

„Sicher weiß das nur der Herr allein, mein König. Aber so lasst uns doch drinnen weiterreden. Es gibt etwas, das Ihr wissen solltet.“

Heinrich nickte, warf noch einen letzten Blick auf den wolkenverhangenen Himmel, und folgte seinem Paten dann hinein.

Drinnen loderte ein gemütliches Feuer im Kamin. Heinrich hatte Probleme, sich auf die Gespräche seiner Berater zu konzentrieren.

„Eure Königliche Hoheit“, unterbrach Anno von Köln nach einer Weile die Grübeleien. Etwas in seiner Stimme ließ den König aufhorchen.

„Was wir Euch gestern andeuteten, ist wahr!“

Heinrich erschrak. Anno hatte ihn gestern vor der Möglichkeit von Verrätern gewarnt – Agenten des falschen Papstes in seinen eigenen Reihen. Diese Möglichkeit bestand fortwährend, und darum hatte Heinrich ihr auch nicht besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. Doch natürlich war gerade jetzt, während sich seine Feinde auf der anderen Rheinseite berieten, die Gefahr groß, dass einer seiner Männer Informationen unter der Hand weitergab.

„Wir haben nun Beweise, die unseren Verdacht bestätigen. Wir konnten ein Schreiben abfangen, das aus Oppenheim geschmuggelt werden sollte. Hier, seht selbst.“ Er reichte Heinrich ein Stück Pergament, doch dieser konnte die Zeichen darauf nicht lesen.

„Es ist verschlüsselt, Eure Königliche Hoheit“, sagte Anno. „Unsere Kryptographen haben es jedoch entschlüsseln können.“ Er reichte ihm ein weiteres Schriftstück. „Ihr seid in Gefahr, Eure Königliche Hoheit! Hier ist die Rede von einem Attentat, das verübt werden soll, um Euch endgültig zum Schweigen zu bringen!“

Heinrich überflog die Übersetzung und schluckte. Wenn das stimmte, war er sich seines Lebens nicht mehr sicher. Er blickte zu den kostbaren Glasfenstern, gegen die nun der Regen prasselte. Es wunderte ihn nicht, dass man ihm nach dem Leben trachtete. Einige seiner Feinde hassten ihn vermutlich so sehr, dass auch sie nicht auf einen Entschluss der Gesandten in Trebur warten würden, sondern handeln wollten.

Heinrich dachte zurück an Utrecht, an seine Feier des Osterfestes, bei der zuerst der Bischof gestorben und dann auch noch die Kathedrale bei einem Gewitter abgebrannt war. Es ging hier nicht nur um sein eigenes Seelenheil, sondern auch das vieler anderer. Der Sturm war eine Warnung des Herrn! Draußen grollte ein Donner. Er erschrak. „Es sind meine Sünden“, stieß er hervor. „Ich habe Gott erzürnt.“

Hugo von Cluny blickte ihn bestürzt an. „Aber ihr habt die letzten Wochen kaum etwas anderes getan als gebetet!“

„Offensichtlich nicht genug!“ Heinrich stockte. Lange war nur das Prasseln des Regens und das Knacken der Holzscheite im Kamin zu hören. Vor den Fenstern wurde es noch dunkler.

Anno von Köln räusperte sich schließlich.

„Mein König, darf ich Euch einen Vorschlag unterbreiten?“

„Sprecht!“

„Es gäbe vielleicht eine Möglichkeit, Euren Wunsch nach Buße und Eure Sicherheit miteinander zu vereinbaren. Hier in der Nähe soll es ein abgelegenes Kloster geben, dessen Mönche in dem Ruf stehen, ganz besonders fromm zu sein. Dorthin könntet Ihr Euch einige Tage zurückziehen. Niemand wird Euch dort erkennen. Bis die Beratungen in Trebur abgeschlossen sind, wird sicherlich noch mindestens eine Woche vergehen.“

Heinrich schüttelte den Kopf.

„Meine Abwesenheit in dieser kritischen Zeit wird bemerkt werden.“

„Nicht, wenn wir sie verheimlichen.“

Der König blickte seine Berater an. Einer nach dem anderen senkte ergeben den Kopf. Anno hatte Recht – sie würden schweigen.

„Gut“, sagte der König schließlich. „Ich breche sofort auf.“

Ein Donner, lauter als zuvor, ließ alle im Raum zusammenfahren.

„Es scheint mir der Wille Gottes zu sein.“ Fast hätte Heinrich gelächelt. „Beschreibt mir den Weg zu diesem Kloster!“

Als der König in tiefer Dunkelheit schließlich zitternd an die große, hölzerne Pforte klopfte, war die Entschlossenheit, die er im Oppenheimer Ratssaal verspürt hatte, wie vom Regen hinfort gespült. Zwar war Gott mit ihm gewesen und hatte ihn in diesem Unwetter wohlbehalten an sein Ziel geleitet, doch hatten ihn den gesamten Weg lang Hunger und Kälte begleitet. Von Gewitter, Sturm und Hagel durchnässt bis auf die Knochen, war er durch die hügeligen Wälder geeilt. Sein Wollumhang hatte schließlich den tobenden Elementen nicht mehr standhalten können. Ganz auf sich allein gestellt, hatte er an jeder der vereinzelten Köhlerhütten nach dem Weg fragen müssen. Heinrich war sich sicher, noch nie einen solch abgelegenen Ort aufgesucht zu haben.

Das Tor vor ihm öffnete sich quietschend einen Spaltbreit, und hinter einer Eisenkette konnte er im Schein einer Laterne ein breites, blasses Mönchsgesicht erkennen.

Da Heinrich sich vorgenommen hatte, seine Identität geheim zuhalten, sprach er weniger ausgewählt als üblich. „Gott sei Dank, guter Mann, ich dachte schon, ich müsste bei dem Wetter im Freien übernachten! Habt Ihr ein warmes Feuer und einen bescheidenen Lagerplatz für einen armen Sünder?“

Der Mönch musterte den Reisenden, nickte und entriegelte die Tür.

In der Abtei war es nicht so warm, wie Heinrich gehofft hatte. Der Wind blies durch die steinernen Mauern hindurch und wurde hier zu einem gespenstischen Pfeifen. Es war wichtig, seine Tarnung nicht auffliegen zu lassen und ruhig zu bleiben. Die Schritte seiner Lederstiefel hallten von den Klostermauern wider.

„Mein Name ist Heinrich“, sagte er, als er dem Mönch durch schier endlose Steinflure folgte. Sein Gastgeber erwiderte nichts.

„Gibt es die Möglichkeit, noch heute hier zu beichten?“

Der Mönch verharrte in seinen Bewegungen. Langsam drehte er sich zu Heinrich um. Das flackernde Kerzenlicht spiegelte sich in seinen Augen.

„Natürlich – wenn Ihr das wollt ...“

Etwas an seinem Ton mißfiel Heinrich. Dennoch nickte er. Ihm war kalt. Der Mönch vor ihm setzte sich wieder in Bewegung. Der König folgte ihm zögernd. Nach einer Zeit, die Heinrich wie die Ewigkeit vorkam, erreichten sie den Schlaftrakt. Heinrich bekam eine kleine, schlichte Zelle zugewiesen. Durch das nur mit Leinstoff bespannte Fenster drang leichter Sprühregen. Ein Kohlebecken oder einen Kamin konnte der König nirgendwo ausmachen. Er fror immer noch. Heinrich entledigte sich rasch eines Teils seiner nassen Kleidung und folgte dem Mönch dann erneut durch eine Vielzahl von labyrinthischen Gängen zu einer schlichten Kapelle, in der eine große Anzahl von kleinen, dünnen Kerzen warmes Licht verbreiteten. Unwillkürlich atmete Heinrich auf. „Wartet hier“, sagte der Klosterbruder. „Unser Abt wird bald hier sein, um Eure Beichte abzunehmen.“ Er verschwand in der Dunkelheit der Gänge, ohne dass seine Schritte das geringste Geräusch verursachten. Heinrich wartete. Im gesamten Kloster herrschte eine seltsame Stille. Sie waren auf Ihrer Wanderung nicht einem einzigen weiteren Mönch begegnet. Wo sich die Brüder wohl aufhielten? Heinrich versuchte vergebens, seine klammen Finger an den Kerzen zu wärmen. Dies musste der bestmögliche Ort für eine Zwiesprache mit Gott sein. Dennoch verwirrten Kälte und Einsamkeit seine Sinne. Er fühlte sich einfach nicht richtig wohl. Ob Gott sich bewusst für diesen verlassenen Ort entschieden hatte, um ihn auf die Probe zu stellen?

Nach einer Ewigkeit sah er in der Dunkelheit der Gänge ein schwaches Licht, das sich langsam auf ihn zubewegte. Das Licht wurde deutlicher, und schließlich nahm Heinrich schemenhaft eine Gestalt wahr, die sich mit einer Kerze in der Hand auf ihn zubewegte. Quietschen von Ledersohlen und das Rascheln von Stoff war zu hören; der Mann watschelte aufgrund seiner Körperfülle eher, als das er ging.

„Ah, da haben wir ja unseren Gast“, erklang seine hohe Stimme. „Ihr wollt beichten?“

„Ehrwürdiger Vater.“ Heinrich neigte den Kopf. Plötzlich wusste er nicht mehr, wie gewöhnliche Menschen sich einem Abt gegenüber verhielten. Sollte er sich verbeugen? Demütig schlug er die Augen nieder. „Habt Dank für Eure Gastfreundschaft. In der Tat bin ich ein armer Sünder, der hofft, Gottes Gnade durch Euch zu erfahren.“ Der Abt musterte ihn prüfend, doch seine Augen schienen seltsam teilnahmslos.

„So erzählt mir, was Euch bedrückt, mein Sohn.“

Heinrich sah sich um. „Hier? Ich sehe keinen Beichtstuhl.“

„Die Kirche ist durch Vorbereitungen zu einer Feierlichkeit belegt“, erwiderte der Abt mit seiner merkwürdig hohen Stimme. „Wir werden hier sprechen – oder gar nicht.“

„Feierlichkeiten?“ Heinrich fand die Vorstellung an diesem stillen und dunklen Ort befremdlich.

„Ganz recht. Worüber wünschst Du zu sprechen, mein Sohn?“

Heinrich stockte. Er dachte an seine Zweifel, seine Verantwortung, hörte den Bruder an der Pforte bei seinem Eintritt etwas murmeln. Die Stimme des Abtes hallte in seinen Ohren wider: Mein Sohn, mein Sohn, mein Sohn. Der König fühlte sich mit einem Male, als sei er Zuschauer einer Theateraufführung. Er spürte, dass dieser Abt nicht im Bund mit Gott stehen konnte. Irgendetwas war nicht richtig. Er entschloss sich, nichts von seinen Zweifeln und Qualen verlautbaren zu lassen, sondern erzählte nur einige allgemeine Begebenheiten, die ebenso gut einem niederen Adeligen im Streit mit seinen Vasallen hätten passieren können.

Der Abt nickte schließlich. „Bete zehn Vaterunser, und Deine Sünden seien Dir vergeben.“

„Danke, Euer Hochwürden.“

Der Abt wandte sich zum Gehen.

„Vater?“

„Ja?“

„Wie komme ich nun wieder zu meiner Zelle?“

„Bete Du erst einmal. Ich werde nach Joshua schicken, dass er Dich abhole.“ Ohne ein weiteres Wort nahm der Abt seine Kerze und verschwand in dem Gang, durch den er gekommen war.

Das Quietschen seiner Schritte war noch eine Weile zu hören, dann war Heinrich wieder alleine. Er wandte sich zu dem Bild des gekreuzigten Jesus, das über den Kerzen hing, und begann zu beten.

Bei über dreißig hatte Heinrich schließlich aufgehört, die Vaterunser zu zählen. Joshua war noch immer nicht aufgetaucht. Heinrich war kalt; die Kerzen schienen nach und nach zu verlöschen. Dem König wurde bewusst, wie alleine er hier war; zum ersten Mal musste er ohne Berater, ohne Freunde und Familie auskommen. Ein mulmiges Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit. Etwas stimmte hier einfach nicht. In dem kleinen Raum voller Schatten meinte er fast, zu träumen.

Vielleicht bildete er sich das alles auch ein. Waren nicht alle hier freundlich zu ihm gewesen? Vielleicht sollte er sich einfach hier auf den Fußboden legen und ein wenig ausruhen. Danach würde es ihm sicherlich wieder besser gehen.

Da hörte er den Gesang. Zuerst meinte er, das Heulen des Windes habe zugenommen, und schenkte ihm keine Beachtung. Doch dann konnte er einzelne Stimmen ausmachen, hohe und tiefe. Er lauschte, und ein Windzug ließ ihn frösteln. Was war das für ein Gesang? So etwas hatte er noch nie in seinem Leben vernommen. Kein ihm bekanntes Gotteslob war je auf diese Weise intoniert worden. Es klang ... unirdisch, irgendwie dieser Welt nicht zugehörig, und schien aus zahllosen Kehlen zu kommen. Je genauer er zuhörte, desto kühler schien es in der Kapelle zu werden. Die Lichter verlöschten nun schneller – oder kam ihm das nur so vor? Der Gesang war kaum in Worte zu fassen. Anders - düster, kalt, schwer.

Er passt zu diesem Ort, dachte er unwillkürlich. Ob das zu den Feierlichkeiten gehörte, die der Abt erwähnt hatte? Vielleicht handelte es sich um eine besondere Form der Buße? So oder so wollte er keinesfalls daran teilhaben. Doch was sollte er tun? In Bälde würde auch die letzte Kerze hier verlöschen, und ohne Licht konnte er den Weg zu seiner Zelle nicht finden. Kurzentschlossen nahm er die Kerze, die noch am wenigsten heruntergebrannt war, und versuchte sich in Erinnerung zu rufen, aus welcher Richtung er gekommen war. Er folgte vorsichtig einem Gang, dann dem nächsten. An einer Steintreppe hielt er sich rechts, aber kaum war er um die nächste Ecke gebogen, schien es ihm, als wären er und der Mönch vorhin doch ganz sicher noch von links gekommen. Er wendete sich nach links, fand den Gang jedoch in eine verschlossene Holztüre mündend. Die Kerze in seiner Hand war mittlerweile fast komplett heruntergebrannt. Er hatte die Orientierung verloren! Fast hätte er aufgeschluchzt. War denn hier niemand?

Da vernahm er den Gesang erneut. Er kam von unterhalb.