Hans-Peter Schmidt-Treptow

Erzwungene Liebe

…für J.

Inhalt

Schwarzer Sonntag

Die Suche beginnt

Der Wochenend-Workshop

Neue Hoffnungen?

Wochenende am Timmendorfer Strand

Endlich am Ziel?

Und nun?

Niklas traut sich nicht

Tipps von Margarete

Jetzt wird es ernst

Junger Mann mit roter Rose

Lilly Hartlieb live

Niklas traut sich

Die Party

Die erste Nacht der Ewigkeit?

Das Outing

Gnadenfrist für Niklas

Valetta und Amsterdam

Aufruhr in der Fußgängerzone

Liebe am Vormittag

Bühne frei für Cornelia Blühmchen

Flucht nach Köln und zu den Verrückten

Operation geglückt – Patient wohlauf

Angst vor Brummer

Die Neue

Verzweifelt gesucht – Kriemhild

Neue Sorgen um Niklas

Start ins zweite Leben

Niklas‘ Gedanken

Ist ein Abschied auch ein Anfang?

Charlotte dreht auf

Kein Zeichen von Niklas

Ein Traum zerplatzt

Die rebellische Alte

Niklas‘ Rückkehr

Ein Abend, der dann, doch länger dauerte

Niklas peu á peu

Niklas‘ Geburtstag

Das war ja zu erwarten

So ein Aufwand für zwei Stunden

Wie von Sinnen

Epilog

Danke!

1. Schwarzer Sonntag

Sonntagnachmittag, wieder so ein Tag, den man am besten auf sich beruhen lässt, dachte Oliver, als er auf dem Balkon seiner Wohnung saß und den herrlichen Panoramablick über die Stadt genoss. Damals als er die Wohnung mietete schien ihm die Aussicht der einzige Vorzug zu sein, den die Behausung bot. Oli hasste diese Sonntage, an denen sich nichts ereignete, er selbst nicht aus dem Quark kam, wie er sagte. Dabei war gerade dieses Wochenende sehr ereignisreich verlaufen, allerdings im negativen Sinne. Seit Monaten oder Jahren lagen sich seine Eltern in den Haaren. Ständig stritten sie um irgendwelche Kleinigkeiten, die zur Katastrophe ausarteten. Mehr als einmal erlebte er, dass seine Mutter oder sein Vater kurzfristig aus der gemeinsamen Wohnung auszogen, um nach ein paar Tagen wieder einzuziehen. Anscheinend brauchten beide dieses ständige sich aneinander Reiben. Obwohl Oliver immer wieder versuchte sich dem Zwist zu entziehen, gelang ihm das nie vollständig, da er es mit seinen neununddreißig Lenzen noch nicht wirklich geschafft hatte sich von seiner Familie zu lösen. Dass nun gerade seine Mutter Elfriede den entscheidenden Schritt gewagt hatte und definitiv ihren Mann verließ traf den Sohn hart. Olis Vater war für ein paar Tage mit unbekanntem Ziel verreist, was auch zu Olivers Unruhe beitrug. Wenn auch innerlich aufgewühlt half er seiner Mutter gestern beim Auszug und Einzug in ihre erste eigene Wohnung. Jetzt, fast am Ende des Wochenendes, lief alles noch einmal wie ein alter Film vor ihm ab. Er starrte ins Weite und plötzlich rannen Tränen über sein Gesicht. „Warum rege ich mich immer noch so auf und was fällt den beiden ein mir so etwas anzutun!“, sagte er leise vor sich hin. Eine unendliche dunkle Wolke machte sich über seinem Gemüt breit. Es half alles nichts, er hatte sich mit den Gegebenheiten abzufinden. Wer Oli näher kannte, wusste, dass er auch gern mal litt oder leiden wollte. Eine Zeitlang ließ er sich jetzt in dieses Gefühl fallen, bis er erschöpft auf der Liege einschlief.

Es waren aber nur ein paar Minuten, die er eingenickt war. Eben erwacht war er voll da und sprang auf. Wie von der Tarantel gestochen packte er wahllos Handtücher und Badesachen in eine Plastiktüte, griff nach einem Buch, das er schon mehrfach gelesen hatte und verließ mit fliegenden Fahnen seine Wohnung. Unten auf dem Parkplatz kam er wieder zu sich und überlegte, was mit dem Restsonntag noch anzufangen sei. Er stieg in seinen alten Renault, warf die Tüte auf den Rücksitz und fuhr los. Für einen Maisonntag war es relativ kühl. Nach einer halbstündigen Fahrt stellte er fest, dass er sich bereits weit außerhalb der Stadt befand. Er näherte sich einem See und suchte eine Zuwegung ans Ufer. Sein Auto parkte er auf einem Feldweg und setzte sich Richtung Wasser in Bewegung. Auch wenn sich die Restsonne inzwischen ganz verabschiedet hatte ließ sich Oli nicht beirren und ging weiter geradeaus. Selbst das Wetter war ihm egal. Er wollte einfach Abtauchen, sich eine Auszeit nehmen, nichts sehen, nichts hören, einfach nur seinen Brentano lesen. Direkt am Teich herrschte eine himmlische Ruhe. Nur ganz vereinzelt lagen ein paar mehr oder weniger oder gar nicht bekleidete Sonnenanbeter am Strand, die ihn aber nicht störten. Er fand einen schönen Liegeplatz zwischen zwei Findlingen und breitete seine mitgebrachte Decke aus auf der er sich kurz darauf nackt ausbreitete. Oliver griff nach seinem Buch, schlug es auf und las unkonzentriert immer wieder den gleichen Satz bis es ihm zu bunt wurde und er es zuschlug. Danach überfiel ihn eine leichte Müdigkeit und er schlief ein.

Als er wieder zu sich kam, stellte er fest, dass es merklich kühler geworden war, trotzdem wollte er sich diesem Refugium zwischen den großen Steinen und dem Rauschen der kleinen Wellen nicht entziehen. Er döste einfach vor sich hin mit einem Blick ins große Nichts. „Komisch, dieses Gefühl hat mich doch heute schon einmal eingeholt!“, sinnierte er. Einige Meter, aber in guter Sichtweite, lag ein junger Mann, der Oliver bisher nicht aufgefallen war. „Noch einer, der mit seinem Sonntag nichts anzufangen weiß!“, dachte er, schenkte ihm aber keine weitere Aufmerksamkeit. Eher uninteressiert blätterte er wieder in seinem Buch und las wieder den Satz den er vor einer Stunde schon mehrfach überflogen hatte. Ein leichtes Nieseln setzte ein. Oli zog sich an, packte seine Sachen und ging zurück zu seinem Auto, um den Heimweg anzutreten. Auf halber Stecke bemerkte er Schritte hinter sich. Oliver drehte sich um und sah den Typen mit Fahrrad vom Strand in ganz kurzer Entfernung hinter sich. Noch ehe er sich versah grinste ihn dieser an und fragte: „Kann man sich hier irgendwo treffen?“ Oli schaute ihn leicht irritiert an und meinte: „Wie, ich verstehe nicht so ganz, ich …!“ Er brach mitten im Satz ab. „Wer bist du denn!“, hörte er sich fragen, gleichzeitig dachte er wie er seinen verblödeten Gesichtsausdruck wieder loswerden würde. All das schien den Typen nicht zu stören denn er lächelte Oliver auf eine unverschämte Art an. „Ich heiße Niklas und du!“, gab der Fremde preis. „Oliver!“, platzte es aus ihm heraus. Dann herrschte Stille. Nach einigen Sekunden nahm dieser Niklas die Fäden wieder auf, es kam zu einer unverfänglichen Unterhaltung. „Bist du das erste Mal hier, woher kommst du, was machst du“ „Blablabla Laber Rhabarber!“, schoss es Oli durch den Kopf. Von einem Moment zum anderen hörte sich Oliver fragen, ob man nicht noch einen Kaffee trinken solle. Niklas gefiel der Vorschlag und er teilte seinem Gegenüber mit, dass er ganz in der Nähe wohnen würde, allerdings nicht allein und er deshalb keine Möglichkeit bei ihm zu Hause sehen würde. Oli sprang über seinen Schatten indem er vorschlug, dass er ebenfalls nicht so weit weg leben würde und man ja die plötzlich wieder aufkommende Abendsonne auf seinem Balkon genießen könne. „Dann bringe ich schnell mein Fahrrad zu mir und hole mein Auto in zehn Minuten bin ich wieder hier, wartest du auf mich!“, fragte der Typ eine Spur vorsichtiger als zu Beginn des Gespräches. Oliver blieb stumm. Niklas radelte davon. Mit einem merkwürdigen Gefühl in der Magengegend ging Oliver zu seinem Renault. Er setzte sich hinein und dachte: „Spinner, kommt sowieso nicht, aber zehn Minuten kann ich ja warten, versäume ja nichts!“

Niklas war inzwischen daheim angekommen, stellte sein Fahrrad hinters Haus, schloss die Haustür auf und griff nach seinem Autoschlüssel, der auf der Kommode lag. „Was passiert hier eigentlich gerade? Kenne den doch gar nicht, gleich in seine Wohnung … hm … vielleicht ist der abartig veranlagt, fesselt mich und dann …!“, fuhr es ihm durch den Kopf. Er warf aber alle Bedenken über den Haufen, schmiss sich in seinen pinkfarbenen Fiat Uno und fuhr Richtung Feldweg. Wie verabredet wartete Oliver dort. Als er Niklas‘ Auto erblickte lachte er: „Das Teil passt zu dir, fahr einfach hinter mir her, wir sehen uns dann bei mir!“ Auf der Rückfahrt behielt er Niklas’ Fiat über den Rückspiegel im Auge. „Was will ich eigentlich von dem!“, dachte Oli und hatte in diesem Moment nicht wirklich den leisesten Verdacht, was diese Aktion jetzt solle. Auf dem Parkplatz vor seinem Haus angekommen sprang er aus seinem Auto und lief zu Niklas. Seine Stimme überschlug sich fast als er ihn bat noch einen Augenblick zu warten bevor er im zweiten Stock bei Lauenstein klingeln solle. Niklas verstand dieses Verhalten nicht so ganz war aber einverstanden. Oliver rannte los, siedend heiß fiel ihm ein, wie seine Bude aussah. Er wollte noch notdürftig aufräumen, doch als er seine Wohnung betrat klingelte es schon. „Mist, na egal, dann sieht es ebenso aus wie es aussieht!“ Kurz darauf stand Niklas im Korridor seiner Wohnung.

„Eine seltsame Ansammlung alter Möbel!“, durchfuhr es Niklas als er das große Wohnzimmer betrat. Kurz darauf war er fasziniert über den herrlichen Ausblick vom Balkon über die Stadt. Unterdessen hatte Oliver umständlich auf einem alten Jugendstilstuhl Platz genommen, der wackelte. Besonders gern mochte er die Teile nicht, aber sie waren von seinen Großeltern ererbt und aus einer Tradition heraus konnte er sich nicht von ihnen trennen. Er war nervös und gleichzeitig erstaunt, wie souverän Niklas umherging und alles betrachtete. Oli war nicht sicher, was jetzt passieren sollte und schwieg. Auch von Niklas kam kein Wort. Er hatte es sich inzwischen auf dem Balkon gemütlich gemacht und streckte sich. Oliver trat heraus und durchbrach die Stille mit einem ironischen: „Coffee, Tea or me?“ Niklas sah ihm jetzt mit seinen stahlblauen Augen direkt ins Gesicht. Beide waren sich so zugewandt, dass einer des anderen Atem spüren konnte. Dann verbrannte sie der Augenblick.

Der spätere Abend tauchte das Schlafzimmer in sattes Blau. Noch ziemlich benommen erwachte Oliver und beobachtete Niklas beim Schlafen. „Wie ein Kind!“, dachte er. Wieder musste Oli an den Film Julia du bist zauberhaft denken, der seit Jahren zu seinen erklärten Lieblingsstreifen zählte. Eine alternde Schauspielerin verliebt sich Hals über Kopf in einen attraktiven jungen Mann, beginnt eine Affäre und kehrt letztlich doch in den heimischen Ehehafen zurück. Obwohl der Film überhaupt nichts mit Olis augenblicklicher Lage zu tun hatte gefiel ihm der Gedanke. Er ertappte sich immer wieder dabei, manchmal taten das auch andere, dass sich Oliver gern über Zitate, Filme oder Bücher definierte. Ganz vorsichtig kuschelte sich Oli an Niklas und spürte wieder seinen Atem. Niklas schlug die Augen auf und schaute ihn verklärt an. Es lag nichts Fremdes zwischen ihnen. „Du bist mir gleich aufgefallen, als du dich auf eine Decke gelegt hast!“, sagte er lächelnd. „So, du mir gar nicht!“, entgegnete Oli. In diesem Moment fielen Niklas Olivers Hände auf, die ihm ausnehmend gut gefielen. Niklas griff nach ihnen und ließ sie über seinen Körper gleiten. „Was machst du da!“, fragte Oli eine Spur zu forsch. „Ich spüre die schönsten Hände, die mich jemals berührt haben!“, schwelgte Niklas und klang dabei wie aus einer völlig anderen Welt. Er entzog ihm seine Hände und fuhr Niklas durchs Haar. „Weißt du, dass diese Finger heilende Wirkung haben, zumindest Kräfte!“, gab Oliver etwas an. Niklas stutzte. „Dann leg sie bitte hier auf mein Herz!“, bat er. Oli verstand nicht genau, was damit gemeint war, tat es aber und streichelt seine Herzgegend unterhalb der Brust. Kurz darauf erfuhr Oliver die Leidensgeschichte von Niklas in groben Zügen. Seine Eroberung stand kurz vor einer schweren Herzoperation, die in wenigen Wochen geplant war. Oli hörte zu, wirklich betroffen war er aber nicht, er war viel zu sehr damit beschäftigt, den Augenblick zu genießen. Niklas redete ohne Punkt und ohne Komma. „Komisch!“, dachte Oliver immer wieder, „ich habe doch gar nichts gefragt und er erzählt mir sein ganzes Leben!“ So erfuhr er von zwei jüngeren Schwestern, die noch in Leipzig bei seinen Eltern lebten, von der Tischlerei des Vaters, einer ängstlichen Mutter und vieles mehr. Lauter Dinge aus der Vergangenheit. Oliver fiel aber auf, dass Niklas über die Gegenwart gar nicht sprach. Auch wenn von diesen Informationen nicht viel übrig blieb an diesem Abend so machte sich bei Oliver ein Gefühl breit, das ihm fremd war und jetzt noch nicht begreifen konnte.

Als Niklas zufällig zur Uhr sah sprang er mit einem Satz aus dem Bett. „Oh Gott schon zehn, mein Freund ist in München und kann bereits angerufen haben, habe dann Probleme meine Abwesenheit zu erklären!“ In Oliver kam ein erster leiser Verdacht auf, aber um auf die Äußerung einzugehen war es jetzt zu spät. Er hatte den Eindruck, dass dieser Niklas in absoluten Zwängen lebt, aber auch das wollte er jetzt nicht vertiefen. Als Niklas wenig später aus dem Bad kam drückte Oli ihm seine Visitenkarte in die Hand und sagte vorsichtig: „Deine Kontaktdaten wirst du mir ja wohl nicht geben können!“ Niklas zögerte einen Augenblick sagte aber nichts, sondern küsste Oliver. An der Wohnungstür erhielt Oli eine flüchtige Umarmung und der Gast verabschiedete sich mit den Worten: „Ich melde mich mal …!“ Dann war er verschwunden. Oliver rannte ins Schlafzimmer und riss das Fenster auf. Er wollte keinen schalen Nachgeschmack spüren, wollte die letzten Stunden einfach herauswehen lassen. Nach einer ausgiebigen Dusche rief er seinen Freund Alex Pohn an, der seit Jahren als sein Privatpsychologe agierte. Ausführlich erzählte ihm Oli von den Erlebnissen des Abends. Alex maß den Informationen noch keine große Bedeutung bei freute sich aber für Oliver. Wenig später fand sich Oliver, eine Zigarette rauchend auf dem Balkon wieder. Er fühlte sich von Lavendel umhäkelt, was nichts mit den Pflanzen in den Kästen zu tun hatte.

2. Die Suche beginnt

„Montagmorgen, wieder eine neue Woche, wieder der Job in der Redaktion, was mag es an aufregenden Dingen geben, über die es sich zu schreiben lohnt!“, sinnierte Oliver bei seinem Morgenkaffee. Gegen neun Uhr verließ er wie üblich seine Wohnung und war guter Dinge, was ihm aber nicht auffiel.

Beim gemeinsamen zweiten Frühstück mit seiner Kollegin Beate Rabe kam man auf das vergangene Wochenende zu sprechen. Beate hatte in allem was sie tat etwas Entwaffnendes. Die Endvierzigerin war seit Jahren von einem Alkoholiker geschieden und lebte mit ihrer fast erwachsenen Tochter allein. Sie war zu laut, zu schrill, aber sie war eine grundehrliche Haut und das liebte Oliver an ihr. „Herr Lauenstein, mir ist gestern wieder was passiert!“, gluckste sie, „habe mich mit einem Typen in Harzburg verabredet, den ich über eine Kontaktanzeige kennen gelernt habe!“ „Und wie war’s?“ Die Kollegin musste lachen und verschluckte sich fast an ihrem Brötchen. „Ach wir haben Kaffee getrunken und uns nett unterhalten, alles ganz harmlos bis auf …!“ Oliver horchte auf: „Bis auf …. Was?“ „Na ja, äh plötzlich streckte er den Kopf über den Tisch zwinkerte mir zu und meinte, dass er im Bett ganz toll wäre!“, fuhr Beate etwas leiser fort, dabei strich sie eine graue Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Oli und seine Kollegin sahen sich an und brachen in schallendes Gelächter aus. „Wie war Ihr Sonntag!“, fragte Frau Rabe. Oli wurde ganz still und bekam einen leicht verklären Gesichtsausdruck. „Irgendetwas an Ihnen ist verändert, positiv!“, schob Beate nach. Oliver schmunzelte, ließ seine Gesprächspartnerin aber im Regen stehen. Seine Gedanken schweiften zurück zum gestrigen Abend.

Wie er schon ahnte, passierte an diesem Montag nichts von Bedeutung im Büro. Der Tag schlich einfach so dahin. Gegen neunzehn Uhr war Oli wieder zu Hause. Außer einem mittelmäßigen Fernsehprogramm erwartete ihn an diesem Abend nichts. Als er seine Wohnungstür aufschloss spürte er eine Atmosphäre, als seien die Räume niklasausgepolstert. Lustlos warf er sich aufs Sofa und schaltete sich durch die Fernsehprogramme, hörte Stimmen, nahm Bilder wahr, bekam aber trotzdem nichts mit. Seine Gedanken und ein merkwürdig neues Gefühl waren bei ihm – bei Niklas! „Jetzt reiß dich mal zusammen, du weißt, dass er Niklas heißt, stahlblaue Augen hat, demnächst eine Herzoperation ansteht, er mit seinem Freund lebt, aber eigentlich weißt du nichts!“, hämmerte er sich ein. Es half nichts. Niklas war in seinen Gedanken verankert und auf dem besten Weg sein Herz zu erobern. Oli machte den Fernseher aus und griff zum Telefonbuch, um nach irgendwelchen Niklasen zu suchen. „Idiot!“, sagte er zu sich selbst und schmiss das Buch in die Ecke. Er hielt es in seinen vier Wänden nicht mehr aus und ging hinunter auf den Hof, dort setzte er sich in sein Auto und fuhr hinaus zum See. Am Ufer genoss er den Sonnenuntergang und träumte vor sich hin. Trotz der milden Abendstimmung fröstelte es ihn. Er ging zurück zum Auto und fuhr nach Harlingerode. Langsam durchfuhr er den Ort und hielt Ausschau nach einem pinkfarbenen Fiat. Nach einer Stunde hatte er genug von der Sucherei und fuhr frustriert nach Goslar zurück.

Als er die Wohnungstür im Claustorwall aufschloss verspürte Oli ein unsägliches Verlangen sofort Alex anzurufen, um ihm die wahre Geschichte von gestern zu erzählen, schonungslos. Wie so oft zeigte Alex wieder viel Verständnis und hört interessiert zu. Schließlich hatte sich in Liebesdingen seit fünf Jahren nichts von Belang mehr abgespielt in Olivers Leben. Damals hatte er eine mehrjährige Affäre, wie er es heute bezeichnete mit einem Opernsänger und verglich jede neue Bekanntschaft oder Eroberung mit diesem Charles. Manchmal sagte er den Typen sogar direkt, dass sie an Charles Becker niemals heranreichen werden. Oli wusste, dass sein Verhalten unmöglich war, war aber unfähig sich der Aura des Künstlers wirklich zu entziehen. „Was Oliver da erzählt, oh oh, es muss ihn ziemlich erwischt haben!“, dachte Alex immer wieder während er sich Olis Redeschwall nicht entziehen konnte. Zwar sprach Oliver ziemlich sachlich, aber Alex spürte, dass in seinem Freund eine Feuersbrunst brodelte.

Das lange Gespräch hatte Oli ein wenig aufgebaut. Merkwürdige Gedanken gingen ihm durch den Kopf: „Wie weit ist eigentlich gestern entfernt, warum denke ich nicht mehr an meine Eltern, warum machen sich positive Gedanken breit?“ Es war bereits nach Mitternacht als er sich auf den Balkon begab und die nächtliche Stille aufsog. Der Blick schweifte ins Dunkle, Bilder taten sich auf, die ihn glücklich machten. Auch wenn er heute gar nichts erreicht hatte, genoss er den Erfolg. Sein plötzlicher Blick zur Uhr ließ ihn aufschrecken. Es war bereits halb zwei und ihm war klar, wie er sich beim Aufstehen fühlen würde. Ohne sich die Zähne zu putzen und auszuziehen fiel er ins Bett und sank trunken vor Erschöpfung und Glück in den Schlaf.

Viel ereignete sich in den nächsten Tagen wirklich nicht. Tag zwei, Tag drei, Tag vier … und Niklas hatte sich nicht gemeldet. Es fiel Oliver schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Gerade jetzt, da er an einem Fortsetzungsartikel über die Veruntreuung von Spendengeldern einer Wohltätigkeitsorganisation recherchieren musste. Die Fakten dazu waren klar, aber sie fußten auf Gerüchten und Unterstellungen. Ein Detektiv hätte wahrscheinlich die notwendige Aufklärung leisten können, was aber hatte seine Redaktion schon für Möglichkeiten Dinge aufzudecken. Dass Oli selbst bald detektivisches Geschick an den Tag legen sollte, war ihm noch nicht klar. Der Beruf des Journalisten war wirklich mal sein Traum gewesen, doch in den Wogen des Alltags musste er mehr und mehr erkennen, dass ihm in einer Stadt wie Goslar wohl nie der ganz große Wurf gelingen konnte. Er telefonierte Stunden, um Einzelheiten zu erfahren über die Schweinereien, aber alle Informanten gaben sich bedeckt. In dieser piefigen Gegend hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus. Auch ein Kaffee mit Beate Rabe brachte nicht die Erleuchtung. Gegen fünf meldete sich Olaf Mertens, ein alter Freund aus Köln, am Telefon. Olaf hatte einige Zeit in Goslar gelebt, war verheiratet mit Martina und hatte zwei Kinder. Alles lief bestens bis er die Liebe zum eigenen Geschlecht entdeckte und ausleben wollte. Jetzt lebte er bereits seit acht Jahren mit Dieter in der Rheinmetropole. Der Kontakt zu den Wurzeln riss aber nie ab. Seine Exfrau wohnte immer noch in Goslar. Nicht selten kam es vor, dass er, Martina und Oliver sich am Wochenende zum Essen trafen. Martina hatte damals großartig reagiert, als ihr Olaf seine Neigungen gestand. Obwohl es für beide nicht einfach war, trennten sie sich sehr fair und nahmen sich vor, niemals den Kontakt zu verlieren. Bis heute sprach Olaf immer noch über „meine Frau“ und Martina über „meinen Mann“. Olaf spürte Olis fahriges Verhalten sofort und fragte ganz direkt: „Was ist los, Alter?“ Oliver druckste herum war aber dann doch bereit eine Kurzfassung der Ereignisse kund zu tun. „Und jetzt weißt du also nur, dass du nichts weißt!“, stellte die Stimme aus Köln ironisch fest. „Stimmt, ist aber nicht besonders komisch!“, konterte Oli. „Hast du es schon mal mit einer Anzeige in einschlägiger Presse versucht unter der Rubrik Verloren/Gefunden!“, erkundigte sich Olaf. „Nein, aber du bringst mich auf eine Idee, hast du einen Tipp, welches Blatt ich nehmen soll?“ „Versuch es im Gay-Klatsch, das Ding taugt zwar redaktionell gar nichts wird aber viel gelesen, da es überall gratis ausliegt!“, informierte ihn der Freund. „Du dann sei mir jetzt nicht böse, aber das würde ich gern heute noch erledigen, soviel ich weiß, sitzt die Redaktion in Düsseldorf!“, wand er sich halb fragend halb bestätigend an Olaf. „Ja, Moment, ich habe hier irgendwo die Nummer!“ Oli vernahm ein Rascheln von Papier. „Notier mal, Null Zwei Eins Eins für Düsseldorf und dann Neun Neun Drei Sieben Fünf Drei Sechs!“, diktierte Olaf. „Tausend Dank, ich umarme dich, werde dort gleich anrufen und fragen, wie es mit so einem Inserat läuft, halte dich auf dem Laufenden, tschüss!“, rief er euphorisch in die Muschel. Sofort griff er abermals zum Hörer und wählte die Nummer. Oliver schien etwas überrascht, dass ihn der Typ am anderen Ende duzte, aber das war ihm egal. Er trug sein Anliegen vor. „Hm, du kannst natürlich auch deine Telefonnummer angeben, aber sei dir sicher, es werden einige Spinner anrufen!“, beriet ihn der Anzeigenverkäufer kompetent. Oli war alles Recht! Nach Erledigung der Anzeige zückte er sein Scheckbuch und schrieb einen Scheck über achtundzwanzig Mark aus, adressierte den Umschlag und begann eine Annonce zu formulieren. Das gelang ganz schnell Erinnerst du dich an den Sonntagnachmittag im Mai am See – Nähe Harlingerode – Du sprachst mich an – Du lebst nicht allein – Kennwort Journalist – bald anstehende OP – Bitte melde dich – vermisse dich – Oli. Er war sich absolut sicher, dass Niklas den Text wiedererkennen musste. Samt Brief verließ er schnell das Büro, um zur Hauptpost zu fahren.

„Vielleicht hat er ja heute angerufen, hoffentlich hat mein Anrufbeantworter nicht wieder verrückt gespielt“: diese und ähnliche Gedanken ereilten Oliver als er sich auf dem Heimweg befand. Seit heute Morgen herrschte ein ziemlich grausiges Wetter, es regnete in Strömen. Als er seine Wohnung betrat rannte er sofort zum Telefon und sah, dass drei Anrufer ihr Glück versucht hatten. Erwartungsfroh drückte er die Abhörtaste: „Hallo, hier ist deine Mutter. Ich habe seit über einer Woche nichts von dir gehört, melde dich bitte umgehend!“. Oli löschte den Anruf und hörte weiter. Alex wollte lediglich wissen, ob sich etwas ergeben hatte. Anruf Nummer drei folgte von Bettina, die heute mal keine Kopfschmerzen zu haben zu schien und mit ihm Essen gehen wollte. „Uff, alles nicht, das was ich will!“, seufzte er laut. Er hatte keine Lust auch nur ein Telefonat zu erwidern. Plötzlich schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass Niklas seine Visitenkarte verloren haben könnte. Geschwind verließ er die Wohnung und suchte erfolglos im strömenden Regen auf dem Parkplatz vorm Haus nach der Karte. Obwohl Oliver bis auf die Knochen durchgeweicht war setzt er sich ins Auto und fuhr zum „Niklassee“, wie er den Teich inzwischen bezeichnete. Im benachbarten Harlingerode wollte er noch einmal systematisch alle Straßen abfahren und nach dem pinken Fiat suchen. Im Schritttempo fuhr er durch den Ort. In einer Neubaugegend fielen ihm entsetzlich viele Garagen auf. „Scheiße, wenn der Fiat jetzt in einer dieser Schuppen steht, finde ich ihn nie!“, dachte er voller Angst. Nach einer Stunde gab er die Suche auf. Sein Auto war bereits einigen Passanten aufgefallen, die ihn argwöhnisch beobachteten. Das entging Oli, trotz Suchstress nicht. „Die denken bestimmt, ich plane eine Einbruchserie!“, grinste er vor sich hin. Er hatte keine Lust nach Hause zu fahren, nach Trubel und Geselligkeit war ihm aber auch nicht, was blieb also – der See! Wieder parkte er seinen Wagen auf dem Feldweg. Der Regen hatte inzwischen aufgehört und Oliver atmete die gereinigte Sommerluft tief ein und aus. „Ach, so müsste man sich die Seele durchpusten lassen!“, dachte er. Er ging weiter und sah ein paar mittelgroße Steine. „Die würden sich auf meinem Balkon gut machen!“, fuhr es ihm durch den Kopf. Er lief zurück zu seinem Renault und suchte nach alten Plastiktüten. Damit ausgestattet ging er zurück und sammelte ein paar schöne Exemplare der Steine ein. Dann setzte er sich wieder auf einen der Findlinge und schaute aufs Wasser. Die jetzt doch noch aufkommende Abendsonne zog einen blutroten Streifen über das jetzt klare Blau des Himmels und spiegelte sich auf der Oberfläche des Sees. „Vielleicht ein Zeichen!“, lächelte er beim Beobachten dieses Naturschauspiels. Er griff nach der Tüte mit den Steinen und ging zurück. Als er in seiner Wohnung ankam legte der die Steine in die Badewanne und duschte sie sauber, anschließend dekorierte er seinem Balkon damit. Obwohl der Freisitz noch recht nass war setzt er sich und rauchte eine Zigarette. Er schaute immer wieder auf die neue Zier, die ihm gefiel. Überraschend verspürte er Hunger. „Jetzt noch den Pizzabringdienst anrufen schadet Geldbörse und Hüften“: schnell verwarf er diesen Gedanken wieder. Alex musste noch angerufen werden. Gedacht – getan! Oli erreichte, wie üblich, nur den Anrufbeantworter und war dabei sein Sprüchlein zu hinterlassen, als der Freund in die Nachricht eingriff. „Wie geht es dir?“ „Beschissen!“, entgegnete Oli. „Also wieder nichts Neues, keine Meldung, gar nichts!“, bohrte der Freund weiter. Langsam fing er an, sich ernsthaft Gedanken, um Oliver zu machen. Oli berichtete von seinen letzten Bemühungen Niklas zu finden und Alex hörte geduldig zu. Rat wusste er aber nicht. Im Gegenteil, er war fast der Überzeugung, dass Oliver und Niklas sich nicht wiedersehen. Es wäre aber unklug gewesen, das seinem Freund gegenüber zu äußern. Der Psychologe wusste, dass Oliver in den vergangenen Tagen mit einer Reihe von Leuten gesprochen hatte und sein Leid klagte, immer mit der vagen Hoffnung, jemand würde diesen Niklas kennen. Alexander war aber der Einzige, der Oli bestärkte weiterzumachen. Das Gespräch endete wie immer mit den Worten „Also dann, bis gleich!“

Oliver hatte gerade den Hörer aufgelegt und wollte ins Bad als das Telefon erneut schellte. Eigentlich war sein Bedarf an diesem Tag mit Telefongesprächen gedeckt, da aber Niklas nicht aus seinem Kopf ging trieb es ihn erneut zum Apparat. „Liebster Oliver, hier ist Elsa, versuche dich seit Stunden zu erreichen, aber du führst Dauergespräche!“, blaffte ihn eine wohlbekannte Stimme an. Oli verdrehte die Augen: „Was willst du!“, ranzte er Elsa an. „Warum so unfreundlich!“, zischte sie zurück. „Es ist kurz vor zwölf, ich hatte einen anstrengenden Tag, muss jetzt ins Bett!“ Am anderen Ende der Leitung wurde es plötzlich ganz still, Oli dachte schon sie hätte aufgelegt. Er war seit Jahren mit ihr bekannt. Sie interpretierte das als Freundschaft. Elsa Boulanger war eine in die Jahre gekommene Künstlerin, deren Markenzeichen es war nichts zu können. Die Diseuse hielt sich aber selbst für unglaublich begabt und behauptet stets, dass ihre Kunst ja nun wirklich von Können käme. Böse Zungen behaupteten auch, sie treibe nicht nur auf den Regionalbühnen in der Umgebung ihr Unwesen, sondern nachts auch auf Parkplätzen in einem alten schäbigen Wohnmobil. Was auch immer sich dort hinter dreckigen Gardinen abspielen mochte, ekelte Oli an. Elsa ergriff wieder das Wort: „Ich habe so ein entsetzliches Jucken im unteren Bereich, du weißt schon, die Gegend worüber man nicht gern spricht!“ „Warum tust du es dann?“ „Kannst du mir einen Arzt empfehlen?“ „Ein Frauenarzt kommt ja wohl kaum in Frage!“, meinte Oliver barsch. „Warum?“ „Du blöde Kuh, schau mal deinen Unterkörper an, was du da hast!“, spöttelte er und musste grinsen. Elsa war keine Frau, hatte aber irgendwann ihr Dasein als Mann aufgegeben und trat ausschließlich als Frau in Erscheinung, ob eine vollständige Wandlung je stattgefunden hatte, wusste keiner, der sie kannte. „Wird schon nicht so schlimm sein, geh zu deinem Hausarzt, gute Nacht!“, mit diesen Worten legte Oli den Hörer auf.

Die folgenden Tage schlichen dahin. Wo immer es ging ließ Oliver durchblicken, dass er auf der Suche nach Niklas sei. Niemand kannte ihn, niemand hatte ihn jemals gesehen. Langsam kam in ihm der Verdacht auf, einer Phantomvorstellung erlegen zu sein und zweifelte gelegentlich an seinem Verstand. Als er einen Artikel über ortsansässige Zahnärzte schrieb fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Hatte Niklas nicht gesagt, dass er in Göttingen eine Weiterbildung zum Zahntechniker macht und dorthin jeden Tag mit der Bahn pendelt!“, fiel ihm ein. Oli ließ den ersten gemeinsamen Abend noch einmal haarklein Revue passieren. Plötzlich erinnerte er sich, dass Niklas selbst eine Abfahrtszeit jeden Morgen genannt hatte. Tags darauf stand er bereits gegen sechs Uhr auf. Ohne sich zu duschen und zu rasieren fuhr er zum Bahnhof. Die Vielzahl der Reisenden auf dem Bahnsteig erschreckte ihn und er sah seine Hoffnung Niklas im Gewühl zu finden schwinden. Er erblickte Menschen, die er ewig nicht gesehen hatte und die grüßten, eine ehemalige Kollegin wollte ihn sogar in ein Gespräch verwickeln. Alles hätte er jetzt brauchen können, nur bitte keine Unterhaltung. Er sah zur Uhr und stellte fest, dass der Zug in fünf Minuten einfuhr. Nervös schaute er sich um ohne einen klaren Gedanken zu fassen. Nirgends sah er seinen Auserwählten. Quietschend hielt der Regionalexpress am Bahnsteig. „Zu spät!“, seufzte Oliver laut. „Nein, heute ist sie sehr pünktlich!“, lachte ihn ein junges Mädchen an. Oliver antwortete lediglich mit einem Achselzucken. Sollte er jetzt einfach in den Zug steigen und Abteil für Abteil absuchen? Ihm kam eine viel bessere Idee. Schnellen Schrittes verließ er den Bahnhof und eilte zu seinem Auto. Als er einstieg begann er bitterlich zu weinen. „Was kann ich noch tun, er hat doch meine Karte und meldet sich nicht, war ich doch nur ein Abenteuer für ihn!“, heute er laut vor sich hin. Eine ältere Dame klopfte besorgt an die Scheibe und wollte wissen, ob sie etwas für ihn tun könne. „Nein, geht schon wieder, alles okay!“, log er sie an. Dass sich eine Wildfremde plötzlich nach seinem Seelenheil erkundigte machte etwas Mut. Er startete seinen Renault und begann auf dem Parkplatz nach dem pinkfarbenen Fiat zu suchen, musste aber bald feststellen, dass auch dieser Versuch erfolglos blieb.

Entmutigt von den Ereignissen betrat er kurz darauf seine Wohnung und versuchte aus den Resten des Kühlschranks ein Frühstück zu zaubern. Während der Kaffee durch die Maschine lief stand er unter der Dusche und versuchte seine Gedanken zu ordnen. „Jetzt mal ruhig Blut, versuch dich heute auf das Wesentliche zu konzentrieren!“, beruhigte er sich selbst. Die blöde Spendenaffäre fiel ihm wieder ein. Gestern hatte sich ein Rechtsanwalt bei ihm gemeldet, der heute entscheidende Fakten liefern wollte. „Bestimmt auch wieder so ein Spinner, der sich wichtigtut, erlebt man leider viel zu oft!“ Auch wenn Oliver nicht gut drauf war, versuchte er die redaktionelle Arbeit gewissenhaft zu erledigen. Die aufmunternde Art seiner Kollegin Beate Rabe trug auch dazu bei. Heute hatten sie sich zum Mittagessen verabredet. Er mochte Beate sehr gern und obwohl sie keine Freundschaft verband waren sie sich sehr vertraut. Sie war ein paar Jahre verheiratet gewesen, hatte eine Tochter Bastiane, die in Tübingen Medizin studierte. Darauf war die Kollegin unheimlich stolz, andererseits lag ihr die Schmarotzerin, wie Beate sie oft bezeichnete, unglaublich mit ihren Ansprüchen finanziell auf der Tasche. Ihre Ehe war vor Jahren an der Sauferei ihres Mannes gescheitert und irgendwann zerbrochen. Mit Anfang dreißig startete sie noch einmal durch und krempelte ihr ganzes Leben um. Zu lange hatte sie ihr Leben an den Kleiderhaken Mann gehängt und dann musste sie selbständig werden. Sie besuchte Seminare und die unterschiedlichsten Selbsthilfegruppen. Durch Zufall fand sie einen Job in der Redaktion. Damit besann sie sich auf ihre Wurzeln. Beate hatte damals wegen ihrer Ehe und der Tochter das Germanistikstudium abgebrochen und lebte reihenhausbegraben jahrelang ein gemütliches Leben, bis ihr Mann sich vollständig dem Suff hingab. Jetzt schien ihr die Tätigkeit als Journalistin Erfüllung gebracht zu haben. Sie vermittelte den Eindruck, sich gefunden zu haben.

Oliver saß schon einige Zeit bei seinem Lieblingsitaliener am Marktplatz und las desinteressiert die Speisekarte rauf und runter. Endlich erschien Beate Rabe abgehetzt und stürmte auf ihn zu. „Ich sehe wieder aus wie Scheiße auf Reis!“, prustete sie heraus. Dass das nicht stimmte, war ihr genauso klar wie Oli. Eine Art fishing for compliments, was sie wirklich nicht nötig hatte. Für ihre mindestens fünfundvierzig sah sie passabel aus. Dass es ihm nicht sonderlich gut ging fiel ihr schon beim Betreten des Restaurants auf: „Ihnen geht es schlecht, was ist los!“, fragte sie unumwunden. Oli fühlte sich ertappt und meinte: „Lassen Sie uns etwas bestellen, hoffe ich behalte es bei mir. Nachdem Natale die Bestellung aufgenommen hatte fing Oliver an zu reden. Er erzählte in aller Ausführlichkeit die Geschichte der letzten Tage, ließ aber Beate im Unklaren, um wen es sich handelte. Frau Rabe hörte interessiert zu. Plötzlich platzte es aus ihm heraus: „Und damit sie kein falsches Bild bekommen, es handelt sich übrigens um keine Frau, sondern um einen Mann, der mich völlig aus dem Konzept wirft!“ Dann verstummte er und erschrak über seine Äußerung. Beate zeigte sich unbeeindruckt und lächelte. Ihr war seit langem klar, dass Oliver nicht auf Frauen stand. Aber sie sah nie eine Veranlassung ihn darauf anzusprechen, weil sie ihn einfach mochte. Im weiteren Gesprächsverlauf stellte sich heraus, dass Frau Rabe natürlich auch keinen Niklas kannte, Oli hatte auch nicht ernsthaft damit gerechnet. Die Mittagspause verlief nach diesem Outing sehr entspannt und verging wie im Flug. Beates Satz: „Man sieht sich immer zweimal im Leben“ empfand Oliver als wohltuend. Wie zwei Verschworene schlenderten sie im Anschluss in die Redaktion zurück.

Den Rest des Tages verbrachte der Journalist am Schreibtisch. Das Gespräch mit dem Rechtsanwalt hatte sich als wertvoll erwiesen. Er hatte zwar noch Zeit für den Artikel doch seine Ungeduld stand ihm mal wieder im Weg. Gegen sechzehn Uhr rief Moritz Küster aus Berlin an. Er und Oli waren seit er Studienzeit befreundet. Moritz wirkte seit Monaten als freier Journalist für Boulevardblätter und verdiente ein schweinemäßiges Geld hatte aber kaum Möglichkeiten es auszugeben. „Arbeit, Arbeit, Arbeit, alles hat seinen Preis!“, stöhnte er oft. Auch ihm fiel auf, dass Olivers Stimme traurig klang und er fragte ihn nach dem Warum. In einer Kurzform erzählte ihm Oli alles. „Kein Problem, den finden wir!“, versicherte der Berliner. „Ich habe eine CD-Rom mit sämtlichen Telefonnummern Deutschlands, die Sortierung kann auch nach Vornamen und einen bestimmten Ort erfolgen!“ Oliver verstand nichts. „Ich drucke alles heute Abend aus und dann hast du alle Niklase in und um Goslar, die Post geht noch heute raus an dich!“ „Aha, ich glaube, ich weiß jetzt was du meinst!“, meinte Oli etwas zögerlich, war aber glücklich über die Hilfe von Moritz. Von einer Minute zur anderen hellte sich seine Stimmung auf. Er bedankte sich überschwänglich und versicherte jederzeit gern zu Gegenleistungen bereit zu sein.

Das Gespräch war beendet und Ortrud Saubermann postierte sich vor ihn, um Oliver über irgendwelche Regularien aufzuklären, die er wohl missachtet hatte. Jetzt war sie wieder voll und ganz Frau Oberlehrerin und in ihrem Element. „Wenn hier alle so arbeiten würden wie die Saubermann, würde keiner etwas schaffen!“, dachte er. Ortrud war Ende dreißig und hielt sich selbst für den Nabel der Welt. Eigentlich arbeitete sie halbtags, jedenfalls war sie halbtags anwesend. Natürlich war sie glücklich mit ihrem Zahnarzt Hans-Werner verheiratet. Seine Weisheiten gab sie gern im Büro weiter. Er erklärte ihr wohl permanent, was richtig und falsch im Leben und in der Gesellschaft ist. Dass Ortrud das manchmal zu viel wurde spürten die Kollegen deutlich. Zu allem was gesagt wurde nahm die Gouvernante, wie Oli sie oft bezeichnete, Stellung. Der erhobene Zeigefinger war nie zu übersehen bei ihren Ausführungen. Besonders kurzweilig wurde es, wenn die Saubermann Privattelefonate führte, was mehrfach täglich geschah. Amüsiert hörte Oli manchmal zu sowie heute Vormittag: „Meine liebe Emmi, wir haben ja so lange nichts gehört voneinander und müssen uns unbedingt sehen. Hans-Werner hat sich auch schon nach deinem werten Befinden erkundigt. Gestern haben wir ein Hauskonzert veranstaltet und haben so schön geflötet!“ Interessant wurde es auch, wenn derlei Gespräche beendet waren und Ortrud ziemlich entnervt wirkte. Aber man wahrte eben Etikette, schließlich gehörte man ja zu den oberen Hunderttausend der Stadt.

Gegen sieben verließ er das Büro und begab sich auf den Heimweg. Mit seinen Gedanken, dass auch heute wieder nichts passieren sollte, sollte er leider Recht behalten.