Stefan Zweig

Briefe zum Judentum

Herausgegeben von Stefan Litt

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Stefan Zweig. Sein Leben und sein Werk

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) gehört bis heute zu den populärsten deutschsprachigen Autoren. Seit Mitte der 1920er Jahre zählt sein Werk zur Weltliteratur und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Geboren in Wien als zweiter Sohn des erfolgreichen Textilfabrikanten Moritz Zweig (1845-1926) und seiner Ehefrau Ida (1854-1938), geborene Brettauer, genoss Stefan von Kindheit an die wirtschaftlich abgesicherte Existenz einer stabilen Familie. Das Judentum – beide Elternteile stammten aus jüdischen Familien – spielte im Hause Zweig eine untergeordnete Rolle und bestimmte, ähnlich wie in vielen akkulturierten Familien des späten 19. Jahrhunderts, nur wenig den Tagesablauf der Zweigs. Während der ältere Bruder Alfred Zweig (1879-1977) das Familienunternehmen fortführte, hatte Stefan dichterische und belletristische Interessen und schrieb sich nach dem Besuch des Gymnasiums an der Wiener Universität als Student der Philosophie und Romanistik ein, wo er 1904 zum Doktor der Philosophie promoviert wurde.

Schon während seiner Studienzeit schrieb Stefan Zweig Gedichte, Novellen und Essays, von denen einige in der damals führenden Wiener Zeitung Neue Freie Presse erschienen. Der Leiter des Feuilletons dieser Zeitung war in jenen Tagen niemand anderes als Theodor Herzl (1860-1904), Schriftsteller, Journalist und Begründer der modernen jüdischen Nationalbewegung, des politischen Zionismus. Herzl förderte den jungen Autor, auch wenn sich dieser, nach anfänglichem Interesse für die neue Bewegung, letztlich nicht für die nationale Wiederbelebung des Judentums in Palästina begeistern konnte.

In dieser frühen Phase seines Schaffens stellte der junge Zweig in einigen seiner Werke jüdische Themen in den Vordergrund, so geschehen in der hochdramatischen Legende Im Schnee (1901), die eine Vertreibung jüdischer Einwohner aus einer mittelalterlichen deutschen Stadt an der Grenze zu Polen schildert und erstmals in der zionistischen Wochenschrift Die Welt publiziert wurde sowie in der Novelle Die Wunder des Lebens, die in Antwerpen im 16. Jahrhundert spielt und in der die Hauptfigur ein jüdisches Mädchen ist, das einem Maler Modell für ein Bildnis der Jungfrau Maria sitzt. Die Hinwendung zur jüdischen Thematik steht in Zusammenhang mit dem Interesse, das Zweig der jung-jüdischen Bewegung um Martin Buber in Wien entgegenbrachte, das aber bald darauf wieder nachließ.

Einige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs – Zweig diente mit einer Reihe anderer Autoren in der Propagandaabteilung des österreichischen Militärarchivs in Wien – verfestigten sich bei ihm die pazifistischen und paneuropäischen Ideen, die er den sich weltweit verstärkenden nationalistischen Bestrebungen entgegenzusetzen versuchte. Für Zweig war die Rolle des Judentums, »Ferment und Bindung aller Nationen« zu sein, wie er es in einem Brief an Abraham Schwadron vom 9. Juni 1917 formulierte. Das in mehrfacher Hinsicht bedeutendste Werk aus dieser Zeit ist das Drama Jeremias, das 1917 veröffentlicht wurde und seine pazifistische Grundhaltung in literarischer Form darlegte. Die widrige politische und militärische Situation in Europa in der Zeit des Ersten Weltkriegs, die stupide Kriegspropaganda auf allen Seiten, der von Zweig als bedrückend empfundene Dienst im Militärarchiv und das hautnah miterlebte bittere Schicksal der aus Galizien vor Krieg und Plünderungen nach Österreich geflohenen Juden führten Zweig zu der Idee für dieses Drama. Mit den meist jüdischen Hauptfiguren vor dem Hintergrund der alttestamentlichen Geschichte um die Einnahme Jerusalems durch die Babylonier im Jahr 586 v. d. Z. sollte es das bis dahin umfangreichste jüdische Werk des Autors werden, das sich jedoch durch seine pazifistische Grundaussage auch einem breiteren Publikum erschloss. Die Publikation des Bühnentexts erfuhr mehrere Auflagen; das Drama wurde besonders nach dem Ersten Weltkrieg immer wieder auf europäischen Theaterbühnen aufgeführt, vor allem aber in hebräischer Übersetzung in Palästina. Heute wird man es jedoch vergeblich auf den Spielplänen suchen.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg konnte Zweig sowohl mit Novellen, z. B. Amok. Novellen einer Leidenschaft (1922) als auch mit biografischen Essays große Erfolge verbuchen, wie etwa Drei Meister. Balzac, Dickens, Dostojewski (1920), die viele Nachauflagen erlebten. Damals wurde der Insel-Verlag in Leipzig zu Zweigs Hausverlag. Auch in seinem weiteren Schaffen spielten Novellen, Legenden und historisch-biografische Darstellungen eine bedeutende Rolle. Genannt seien hier als Beispiele Romain Rolland. Der Mann und das Werk (1921), Sternstunden der Menschheit (1927), Verwirrung der Gefühle (1927), Drei Dichter ihres Lebens. Casanova. Stendhal. Tolstoi (1928), Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen (1929), Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters (1932). Mit diesen Werken, die auch im 21. Jahrhundert immer noch aufgelegt werden und ihre Leserschaft finden, hatte Zweig sich vor rund 100 Jahren als feste Größe in der deutschsprachigen und internationalen Literatur etabliert. Sein Erfolg, seine europäische Gesinnung, die die enger werdenden nationalen Grenzen ablehnte und sein rastloses Reisen machten ihn zu einem wahren Weltbürger.

In den letzten Jahren wurde in der Literaturwissenschaft wiederholt nach dem Verhältnis Stefan Zweigs zu seiner jüdischen Herkunft gefragt. Die Arbeiten des israelischen Zweig-Experten Mark Gelber aus Beer Sheva haben an dieser Stelle viele neue Einsichten zutage gefördert. Nach seiner Ansicht stand das Thema Judentum zwar nicht unbedingt im Vordergrund des Denkens und Schaffens von Stefan Zweig, doch kann ihm eine »jüdische Sensibilität« – so Gelber – nicht abgesprochen werden.1 Das Gesamtbild von Zweigs Schaffen und sein Denken, das aus persönlichen Aufzeichnungen und Briefen hervortritt, unterstreicht die Richtigkeit von Gelbers These, die auch von weiteren Forscherinnen und Forschern verifiziert wurde.

Ab Mitte der 1920er Jahre traten erneut jüdische Figuren in den Mittelpunkt von Zweigs literarischem Schaffen. Zu erwähnen sind hier vor allem die Novellen Untergang eines Herzens (1926), Buchmendel (1929) und die Legende Rahel rechtet mit Gott (1930), die zuerst nur in einer kleinen Auflage bei der bibliophilen jüdischen Soncino-Gesellschaft erschien.

Das Jahr 1933 mit den einschneidenden politischen Veränderungen durch die Errichtung der NS-Diktatur in Deutschland war auch für Zweig in vielerlei Hinsicht eine Zeitenwende. Deutschland, der größte Absatzmarkt für seine Literatur und noch dazu das Stammland seines Verlags, wurde für den Erfolgsautor zu einem Land, das er nicht mehr betreten konnte und in dem bald auch seine Bücher nicht mehr verkauft werden durften. Schließlich wurden sie sogar mit dem Besten der deutschen Literatur bei zahlreichen Bücherverbrennungen im Mai 1933 in die Flammen geworfen. Auch in jener Zeit blieb Zweig seinem bevorzugten literarischen Genre treu: dem der historischen Biografie. Als letztes Werk im Insel-Verlag erschien noch 1932 das sehr erfolgreiche und umfangreiche Buch über Marie Antoinette, dann musste die Zusammenarbeit beendet werden.

Im Jahr 1934 fand Stefan Zweig einen neuen Verlag, diesmal in seinem Heimatland Österreich: den kleinen Herbert-Reichner-Verlag in Wien. Als Erstes erschien dort die Biografie über den Humanisten Erasmus von Rotterdam. Der Autor identifizierte sich stark mit der Figur des Renaissance-Intellektuellen, der es in der Zeit hitziger Debatten, ausgelöst durch die Reformation in Europa, vorzog, nicht eindeutig Partei für eine der Seiten zu ergreifen. Dies entsprach weitgehend der Grundhaltung Zweigs in jener Zeit: sich mit seinem literarischen Schaffen so weit wie möglich aus den scharfen politischen Diskussionen herauszuhalten, in denen mit rationalen Argumenten ohnehin so gut wie kein Gehör zu finden war.

Im Jahr 1935 veröffentlichte Zweig eine weitere Biografie, diesmal über Maria Stuart von Schottland, deren Lebensgeschichte ähnlich tragisch verlief wie die von Marie Antoinette, wenngleich in einer anderen Epoche und unter andersartigen historischen Gegebenheiten. Auch dieses Buch wurde bei Herbert Reichner in Wien verlegt, womit dieser Verlag für die verbleibenden Jahre bis zur Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 zu Zweigs Hausverlag wurde. Hier erschienen erneut die literarischen Erfolge, die vormals bei der Insel verlegt worden waren: Jeremias, Marie Antoinette, Joseph Fouché sowie weitere Bände mit Erzählungen und Novellen, darunter 1936 die Legende Der begrabene Leuchter, in der sich Zweig am weitesten der jüdischen Kultur und Tradition näherte.

Die letzte Veröffentlichung des Autors in Österreich war seine historische Studie über Magellan, die noch 1938 in einer einmaligen Auflage bei Herbert Reichner erscheinen konnte. Auch wenn es im deutschen Sprachraum nach 1933 aus politischen und antisemitischen Gründen für Zweigs Werke immer weniger Leser gab, blieben die Übersetzungen seiner Bücher weltweit sehr erfolgreich. Dieser internationale Erfolg sicherte ihm auch in seinen letzten Jahren einen verhältnismäßig bequemen Lebenswandel, der sich von dem vieler anderer Autoren der deutschsprachigen Exilliteratur deutlich unterschied, von denen nicht wenige am Rande des Existenzminimums lebten.

Auch privat hatte sich nach 1933 im Leben des Autors viel verändert. Der Haushalt in Salzburg wurde nach und nach aufgegeben, da die gravierenden politischen Veränderungen in Deutschland immer deutlicher spürbar wurden und Zweig kommen sah, dass diese schnell auf Österreich übergreifen würden. Sein Lebensmittelpunkt verlagerte sich zunächst nach London, doch behielt er seine rastlose Reisetätigkeit im Rahmen des Möglichen bei. Frankreich, Schweiz, Italien, Schweden, die Niederlande, ja selbst die USA und Südamerika wurden von ihm in den Jahren 1933 bis 1941 teils mehrfach bereist. In der Beziehung zu seiner Frau Friderike zeigten sich erste Risse, die sich noch vertieften, als sich der Autor mehr und mehr zu seiner neuen, deutlich jüngeren Privatsekretärin Lotte Altmann hingezogen fühlte, die 1934 in London von Friderike ausgewählt worden war. Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kaufte Stefan Zweig im südenglischen Bath zum letzten Mal ein eigenes Haus, in dem er mit seiner zweiten Frau, Lotte, die er im September 1939 geheiratet hatte, jedoch nur ein knappes Jahr leben sollte.

Mit der Annexion Österreichs durch Deutschland war Zweig staatenlos geworden, denn er lehnte es ab, sich von einem – nach dem »Anschluss« Österreichs – zuständigen nationalsozialistischen deutschen Konsulat einen Reisepass ausstellen zu lassen. Der Antrag auf Naturalisierung in Großbritannien wurde zögerlich behandelt, so dass der internationale Erfolgsautor seit Kriegsausbruch für ein halbes Jahr zum »feindlichen Ausländer« (enemy alien) wurde. Es war sicher seiner Popularität geschuldet, dass ihm die Internierung in einem Lager für Deutsche und Österreicher – unabhängig von ihrer Haltung zum nationalsozialistischen Deutschland oder dem Grad ihrer persönlichen Gefährdung in diesem Regime – erspart blieb und ihm und seiner neuen Ehefrau schließlich Mitte März 1940 die britische Staatsangehörigkeit verliehen wurde.

Im Jahr 1939 erschien der erste Roman Zweigs, Ungeduld des Herzens, in einer Kooperation der Exilverlage Allert de Lange in Amsterdam und Bermann-Fischer in Stockholm. Das Werk sollte der einzige Roman bleiben, den Zweig beendete und zur Veröffentlichung freigab. Diese Publikation markierte auch den erneuten Wechsel zu einem Verlag für die deutschsprachigen Originalausgaben, nachdem der Reichner-Verlag in Wien seit März 1938 nicht mehr existierte. Damit war Zweig endgültig zum Exilautor geworden: Er lebte und schrieb nicht mehr in seinem Heimatland und seine deutschen Bücher erschienen fortan im neutralen Ausland. In dem Roman ist wieder eine Hinwendung zum jüdischen Leben in der nicht mehr existierenden Doppelmonarchie Österreich-Ungarn zu beobachten. Die weibliche Hauptfigur, die körperlich behinderte Edith von Kékesfalva, entstammt einer wohlhabenden assimilierten ungarisch-jüdischen Familie, während die männliche Hauptfigur, Leutnant Anton Hofmiller, Christ ist. Die Symbolik der zum Scheitern verurteilten Beziehung des Leutnants zur behinderten Edith aus jüdischem Haus muss vor dem historischen Hintergrund der Jahre 1938/​39 gesehen werden, in denen bereits alle Illusionen einer deutsch-jüdischen Symbiose ad absurdum geführt worden waren, was der Autor zweifellos verinnerlicht hatte.

Kurz darauf begann Stefan Zweig die Arbeit an seiner Autobiografie Die Welt von Gestern und an einer auf zwei Bände angelegten Monografie über den französischen Schriftsteller Honoré de Balzac. Beide Werke bildeten den Mittelpunkt in Zweigs literarischem Schaffen bis zu seinem Tod. Der Überfall der Wehrmacht auf Frankreich im Juni 1940 und eine drohende Invasion in England veranlassten Zweig, sich im Juni 1940 auf eine Reise in die USA und von dort weiter nach Brasilien zu begeben, wohin er offiziell eingeladen worden war. Ende Juni 1940 schifften sich Stefan und Lotte Zweig in Liverpool für eine mehrmonatige Reise nach Amerika ein, ohne zu wissen, dass damit der endgültige Abschied von Europa besiegelt wurde.

Sowohl in den USA als auch in Südamerika, wohin er mit Lotte zwei Mal von New York aus reiste, hielt Zweig zahlreiche Vorträge, oft vor großem Publikum, doch angesichts der sich verschlechternden Weltlage – Hitlers Armeen siegten noch an allen Fronten – verdüsterte sich seine ohnedies depressive Stimmung immer mehr. Der kulturelle Kontext Europas, der die Grundlage für seine Arbeit und Geisteshaltung gewesen war, wurde vor den Augen der Weltöffentlichkeit und unter Beteiligung fast aller Staaten demontiert, wobei besonders die Juden Europas die Leidtragenden waren. Die spezielle kulturelle Atmosphäre der USA sagte ihm nicht zu, doch zog ihn die brasilianische Gesellschaft immer mehr an, da sie ihm frei von Rassendenken schien. Inspiriert vom Land veröffentlichte er 1941 das Buch Brasilien, ein Land der Zukunft. Ebenfalls in Brasilien entstand die meisterhafte Schachnovelle, die den Schlusspunkt von Zweigs erzählerischem Werk darstellt und posthum im Dezember 1942 in Argentinien veröffentlicht wurde.

Ebenfalls 1941 stellte er Die Welt von Gestern fertig und sandte das Manuskript an seine Verlage in den verschiedenen Ländern. Kurz nach seinem 60. Geburtstag, abgeschnitten von allem, was ein inspiriertes schöpferisches Leben für ihn bedeutete, und getrennt von seinen alten sozialen Bindungen verdüsterte sich Zweigs Gemüt zusehends. Dazu kam der sich verschlechternde Gesundheitszustand seiner Frau Lotte, die unter schweren Asthmaanfällen litt. In den ersten Wochen des Jahres 1942 reifte in beiden der Entschluss zum Suizid, und am 22. Februar 1942 setzten sie im brasilianischen Petropolis ihrem Leben ein Ende. Der von ihm offen hinterlegte Abschiedsbrief, der heute in der Israelischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird, war vermutlich sein letzter Text.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem gleichzeitigem Fallen der Publikationsschranken in den europäischen Ländern konnten alle Werke Zweigs wieder erscheinen. Weltweit erwachte das Interesse an seinen Schöpfungen, und bis heute werden seine Erzählungen und auch die unvollendet gebliebenen Romane aus dem Nachlass erstmals oder neu in andere Sprachen übersetzt und finden – mehrere Generationen später – ständig aufs Neue ihre Leserschaft.

1Ein Verzeichnis weiterführender Literatur und der wichtigsten Briefausgaben findet sich am Ende dieses Bandes. Die erwähnten Werke Zweigs werden mit bibliografischen Angaben in den Fußnoten des Editionsteils aufgeführt.

Stefan Zweigs Briefe zum Judentum

Wie bei vielen seiner zeitgenössischen Schriftstellerkollegen bildet auch im Werk Stefan Zweigs der gewaltige Korpus seiner Briefe einen wichtigen Teil des literarischen Schaffens. Die genaue Zahl der von ihm geschriebenen oder diktierten Briefe ist unbekannt, doch gehen Schätzungen von 25 000 Briefen und Postkarten aus. Er selbst beklagte sich gelegentlich über die Fülle von Zuschriften und über die Zeit, die er in deren Beantwortung investierte. Viele der Korrespondenzen Zweigs wurden mit Schriftstellern, Musikern, Künstlern oder anderweitig herausragenden Personen geführt. Dabei schrieb Zweig vor allem Deutsch, nutzte aber – wo angebracht – auch andere Sprachen: Französisch, Englisch und Italienisch. Gelegentlich nahm er sich auch die Zeit, Briefe von Personen zu beantworten, die ihm ihre literarischen Versuche zur Beurteilung zugesandt hatten und dadurch sein Interesse wecken konnten. Somit sind unter den Adressaten von Zweigs Briefen Personen sehr unterschiedlicher Stellungen und verschiedenster Altersgruppen zu finden.

Bis heute ist kein Versuch unternommen worden, seine Korrespondenz komplett zu erfassen oder gar zu publizieren, doch wurden immer wieder Teile daraus veröffentlicht. Neben einer Zahl von Einzelkorrespondenzen mit bedeutenden Personen seiner Zeit (z. B. Thomas Mann, Hermann Hesse, Paul Zech, Romain Rolland) ist vor allem die vierbändige Ausgabe ausgewählter Briefe zu erwähnen, die von Knut Beck und Jeffrey B. Berlin 1995 bis 2005 herausgegeben wurde und ca. 1000 Briefe Zweigs an verschiedene Korrespondenzpartner vereint. Diese Situation führt dazu, dass Forscherinnen und Forscher noch immer verschiedene Archive und Sammlungen konsultieren müssen, um das breit gefächerte Briefwerk Zweigs untersuchen zu können. Noch immer gelangen einzelne Briefe oder ganze Konvolute ans Licht der Öffentlichkeit, die bislang in privaten Händen lagen.

Ein solcher Fall führte auch zur Idee für die vorliegende Briefauswahl. Im Sommer 2016 kontaktierte Hanna Jacobson aus Bat Yam die Israelische Nationalbibliothek und bot die Übergabe von mehr als 30 Briefen und Postkarten Stefan Zweigs an einen heute nahezu vergessenen jungen Mann namens Hans Rosenkranz an. Rosenkranz, der spätere Leiter des J. M. Spaeth-Verlags in Berlin und selbst Autor zweier Bücher, war der Stiefvater von Frau Jacobson und hatte als junger Mann zwölf Jahre lang mit dem Autor korrespondiert. Auch wenn diese Briefe der Forschung nicht verborgen geblieben waren, existierte keine eingehendere Beschreibung oder gar eine komplette Edition. Beim Lesen der ersten Briefe, die Zweig 1921 und 1922 an den sechzehnjährigen Rosenkranz schrieb, verblüffte mich bei einigen von ihnen die Offenheit, mit der Zweig einem ihm völlig unbekannten jungen Mann seine Ansichten über Judentum und Zionismus darlegte.

Meine anschließende Recherche nach weiteren Briefen des Autors zur jüdischen Thematik förderte – gemessen an der Gesamtkorrespondenz – eine zwar nicht sehr große, aber dennoch nicht zu vernachlässigende Anzahl von persönlichen Mitteilungen Zweigs zutage. Mehr als 140 Briefe und einige Postkarten konnten bislang ausfindig gemacht werden, wobei davon ausgegangen werden muss, dass längst nicht die gesamte Korrespondenz Zweigs erhalten ist bzw. aufgefunden werden konnte. Die Briefe zum Thema Judentum stellen weniger als ein Prozent seiner angenommenen Gesamtkorrespondenz dar. Selbst wenn dies nicht die tatsächliche Quantität widerspiegeln sollte, wird deutlich, dass Zweig das Problem nicht extensiv schriftlich thematisieren wollte, sondern es vielmehr von Zeit zu Zeit und meist aus gegebenen politischen oder kulturellen Anlässen ansprach.

Die Bedeutung dieser Schriftstücke für weitere Erkenntnisse über das komplexe Verhältnis des Autors zu Judentum, Zionismus und Antisemitismus liegt auf der Hand. Weder in seinen Werken noch in den Tagebüchern hat er derart konkret zu diesem Thema Stellung genommen wie in den Briefen, die in vielen Fällen an Freunde und engere Bekannte des Autors geschrieben wurden. Dabei überrascht nicht, dass die meisten dieser Briefempfänger selbst jüdisch waren. Sicher ging Zweig davon aus, vor allem bei diesen Personen Verständnis für seine Ansichten und inneren Zwiespälte zu finden. Bemerkenswert ist, dass diese Briefe fast ausnahmslos an männliche Zeitgenossen gerichtet waren. Da wir in den seltensten Fällen detailliert über ausführliche Gespräche Zweigs mit seinen Freunden und Bekannten informiert sind und noch weniger über solche, in denen jüdische Themen im Mittelpunkt standen, nehmen diese privaten Briefe den bedeutendsten Platz unter den verfügbaren Primärquellen ein, da sie als schriftliche Form des persönlichen Dialogs anzusehen sind.

Bei der Lektüre der Briefe drängen sich nicht immer nur die großen politischen oder literarischen Aspekte in den Vordergrund. Selbst kleine Feinheiten fallen ins Auge: Nie hat Zweig in einem Brief einem jüdischen Briefpartner Grüße zu den Festen des Judentums gesandt, und es wäre interessant zu wissen, was in seinem Haus am Pessachabend geschah oder welche Gedanken ihn während des jüdischen Neujahrsfestes oder des Versöhnungstags bewegten. Darüber sind jedoch so gut wie keine Aussagen überliefert. Aus den Erinnerungen von Friderike Zweig ist bekannt, dass er in der Salzburger Zeit gern über die Weihnachtstage wegfuhr, so dass auch das christliche Hauptfest für ihn keinen Ruhepunkt darstellte. In den hier edierten Briefen wird Weihnachten lediglich einige Male als zeitlicher Bezugspunkt erwähnt, andere christliche Feste hingegen gar nicht.

Zu Beginn war die Motivation für diese Briefedition die rein historische Neugier nach direkten Belegen aus Stefan Zweigs Feder zu seinem Verhältnis gegenüber verschiedenen Aspekten des Judentums. Seit der Entstehung der Idee im Sommer 2016 hat sich jedoch eine politische Entwicklung in mehreren Ländern Europas und der westlichen Welt verfestigt, die in Teilen ähnlich besorgniserregend ist wie die vor rund 100 Jahren zu Lebzeiten Zweigs. Unter dem Beifall eines Teils der Gesellschaft wird offen rassistisches und antisemitisches Gedankengut an die Oberfläche geschwemmt, das bis vor Kurzem endgültig der fernen Vergangenheit anzugehören schien. Diese zunächst unbeabsichtigte Aktualität des Buches erschüttert, zeigen doch die Gedanken Stefan Zweigs und seine klare Voraussicht in Bezug auf die später zur Wirklichkeit gewordenen unvorstellbaren Realitäten von Krieg und Holocaust, dass das Aufzeigen derartiger Tendenzen auch in unseren Tagen nichts von seiner Dringlichkeit verloren hat. Stefan Zweig bevorzugte die stille Stimme der Vernunft, die auch heute wieder im Getöse des Populismus unterzugehen droht. Mit dem Vorlegen dieser Edition verbindet sich die Hoffnung, dass diese stille Stimme auch weiterhin vernommen wird.

Zur Edition

Für diese Ausgabe wurden 120 Briefe und Postkarten an 43 Adressaten ausgewählt. An erster Stelle wurden solche Briefe berücksichtigt, die ausführliche Passagen über verschiedene Aspekte und Probleme des Judentums enthalten, selbst wenn bei manchen das Thema eher zwischen den Zeilen zu finden ist, ohne dass explizit Begriffe wie »Juden«, »Judentum« verwendet wurden. Weiter wurden vorzugsweise solche Schriftstücke in die Auswahl genommen, die bislang unbekannt bzw. unveröffentlicht waren. Mehr als die Hälfte, insgesamt 69, gehören zu dieser Kategorie.

Häufig wurde in der Forschungsliteratur von den »drei Leben« Zweigs gesprochen, die sich aus den äußeren Gegebenheiten seiner jeweiligen Lebensumstände in Österreich, England und im Exil in den USA sowie in Südamerika ergaben. Er selbst unterteilte sein Leben in dieser Form während des Schreibens von Die Welt von Gestern. In ähnlicher Weise lassen sich die hier chronologisch edierten Briefe zum Judentum in drei Zeitabschnitte unterteilen.

Von 1900 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918: Aus diesen 19 Jahren konnten 18 Briefe ermittelt werden, die mehrheitlich in den für den Pazifisten Zweig bedrückenden Jahren des Kriegs geschrieben wurden. Die Briefpartner, mit denen Zweig Gedanken über jüdische Themen austauschte, waren der Religionsphilosoph Martin Buber, die Schriftsteller Marek Scherlag, Abraham Schwadron (wie Zweig ein begeisterter Autografensammler), Karl Emil Franzos und Emil Ludwig, der lebenslange Freund Victor Fleischer sowie der Cousin Egon Zweig.

Von 1920 bis 1932: Aus diesem kürzeren Zeitabschnitt fanden sich 30 Briefe, die meist einen anderen Charakter als die früheren Stücke aufweisen. Sie befassen sich häufig mit den schöpferisch-literarischen Aspekten des Judentums. An erster Stelle stehen hier die Korrespondenzen mit Zweigs Verleger Anton Kippenberg, den Forschern zur hebräischen Poesie Heinrich Chaim Brody und Meir Wiener, ferner dem damals unbekannten Hans Rosenkranz, erneut Egon Zweig und Martin Buber, weiter Victor Fleischer sowie neben den Prager Schriftstellern Franz Werfel und Max Brod noch einigen anderen.

Von 1933 bis 1941: Die für diesen Zeitabschnitt zusammengestellten 72 Briefe befassen sich mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus, dem sich damit weltweit verstärkenden Antisemitismus und den daraus resultierenden Erscheinungen von Verfolgung, Flucht, Exil und Krieg, doch auch immer noch mit literarischen Fragen über das Judentum. Diese Briefe wurde an folgende Personen versandt: wiederum an den Verleger Anton Kippenberg, an die Schriftsteller Joseph Leftwich, Schalom Asch, Max Brod, Arnold Zweig und Romain Rolland sowie an den Bankier Siegmund Warburg, den zionistischen Politiker Chaim Weizmann und weitere. Das jüdische Thema ist somit über die Jahrzehnte mit wechselnden Personen behandelt worden, entsprechend den sich verändernden Bekannten- und Freundeskreisen Zweigs.

Eine Reihe von Briefen wurde bereits in der genannten Edition von Beck/​Berlin sowie in anderen Publikationen veröffentlicht. Zur Garantie der genauen Überlieferung wurden alle hier wiedergegebenen deutschsprachigen Briefe von den Originalen bzw. Kopien derselben transkribiert. Lediglich die wenigen Briefe, die original in Französisch geschrieben sind, werden in ihren veröffentlichten deutschen Übersetzungen abgedruckt.

Die Briefe und Postkarten wurden in verschiedenen internationalen Archiven und Nachlässen ausfindig gemacht: der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem, dem Diaspora Research Center an der Universität Tel Aviv, dem Albert-Einstein-Archiv an der Hebräischen Universität Jerusalem, den Central Zionist Archives in Jerusalem, Yad Chaim Weizmann in Rechovoth (Israel), in der Library of Congress in Washington, der Beinecke Library der Yale University, dem Leo Baeck Institute in New York, der Wien-Bibliothek, dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, dem Archiv der Akademie der Künste in Berlin und dem Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Bei einigen Stücken ist der heutige Verbleib unbekannt und war trotz intensiver Nachforschung nicht ausfindig zu machen. Aufgrund der Existenz von Digitalisaten oder älteren Fotokopien konnten sie dennoch Berücksichtigung finden. Die meisten Kopien stammen aus dem Vorlass von Knut Beck am Literaturarchiv Salzburg. Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der genannten Institutionen gebührt mein aufrichtiger Dank für die geleistete Unterstützung.

Zu besonderem Dank verpflichtet bin ich Mark Gelber, Caroline Jessen, Oliver Matuschek und Lina Maria Zangerl, die mir mit ihrem Wissen und ihrer großen Hilfsbereitschaft in den vergangenen Jahren immer wieder zur Seite standen. Schließlich möchte ich auch dem Suhrkamp Verlag meinen besonderen Dank für die Aufnahme des Buches in das Programm des Jüdischen Verlags aussprechen, insbesondere aber Thomas Sparr und Sabine Landes für die hervorragende Zusammenarbeit.

Stefan Litt

Zur Hadassa/​Israel im Frühjahr 2020